Unbequem, scharfsinnig und ihrer Zeit weit voraus: Mit spitzem Griffel entlarvt Hanna Nagel (1907–1975) Geschlechterrollen, Machtmissbrauch und gesellschaftliche Missstände. Ihre feministischen und antidiskriminierenden Positionen kommen erst nach ihrem Tod ans Licht, die politische Sprengkraft dieser Werke entfaltet sich heute in ihrer ganzen Aktualität.
Von 27.11. 2026 — 20.2.2027 rückt das Kollwitz Museum Köln diese außergewöhnliche Künstlerin mit rund 100 Zeichnungen und Druckgrafiken aus den 1920er- und 1930er-Jahren neu ins Bewusstsein – in einer Ausstellung, die zeigt, wie präzise, kraftvoll und relevant Hanna Nagels Arbeiten sind.
Zeichnen ist meine Leidenschaft, mein Laster, meine Sucht, solange ich lebe.«
Mit scharfem Blick
Aufmerksam beobachtet Hanna Nagel schon früh Menschen, Gesichter und Gesten. 1925 beginnt sie ihr Studium an der Badischen Landeskunstschule Karlsruhe, dem Zentrum der Neuen Sachlichkeit, wo sie bei Wilhelm Schnarrenberger und Karl Hubbuch ihre pointierte Bildsprache entwickelt. Ihre Arbeiten richten sich besonders gegen Hierarchien, Gewalt, Arbeitslosigkeit und Armut sowie deren Folgen.
Als Frau und Künstlerin hinterfragt sie Rollenbilder und Machtverhältnisse: die Abhängigkeit der Studentinnen von ihren männlichen Dozenten an der eigenen Hochschule, aber auch Ehe, Mutterschaft und Familie, die sie nicht als Idylle darstellt, sondern als Spannungsfelder zwischen Nähe und Distanz, Fürsorge und Überforderung, Selbstverwirklichung und gesellschaftlichem Druck.
Begriffe, die heute als Care‑Arbeit, Mental Load oder strukturelle Diskriminierung diskutiert werden, finden bei Nagel bereits Jahrzehnte zuvor eine präzise wie unbequeme Bildsprache. In ihrer Kunst zeigt sie die Lebensrealitäten der Frauen in der Weimarer Republik und macht dabei ihren eigenen Wunsch nach Kindern ebenso wie die Grenzen der weiblichen Selbstbestimmung zum Thema – etwa in schonungslosen Selbstbildnissen.
1929 wechselt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Hans Fischer an die Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst Berlin und wird Meisterschülerin bei Emil Orlik, der in ihr eine »neue Kollwitz« sieht.
Mythos, Tod und Traum
In den frühen 1930er-Jahren entfernt sich Hanna Nagel von der Strenge der Neuen Sachlichkeit. Ihr Stil wird malerischer, die Bildsprache märchenhafter. Während mehrerer Aufenthalte in Rom entwickelt sie ihre »Dunklen Blätter« – symbolisch aufgeladene, düstere Traumwelten mit mythologischen Elementen und historisierenden Motiven. Das Thema Tod nimmt in diesen Arbeiten einen besonderen Stellenwert ein.
Unter den Nationalsozialisten kann Hanna Nagel weiterarbeiten und ausstellen, ihr kritisches Frühwerk hält sie jedoch unter Verschluss. Erst nach ihrem Tod 1975 wird es in seinem ganzen Umfang in ihrem Nachlass entdeckt – und damit die politische Dimension ihres Schaffens sichtbar.
Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Mannheim
Hanna Nagel
Hrsg. von Inge Herold und Johan Holten,
Kunsthalle Mannheim
216 Seiten, 196 Abbildungen in Farbe,
27 × 22,5 cm, gebunden, dt./engl.,
Deutscher Kunstverlag 2022,
ISBN: 78-3-422-98949-8
Blick ins Buch
Museumspreis: 30 €
Erhältlich in unserem Museumsshop
oder per E-Mail an museum@kollwitz.de