Käthe Kollwitz (1867–1945)
Schwarze Kreide auf holländischem Bütten, NT 581
Schnipp! Die Murmel rollt. Wo wird sie landen? Im spannendsten Moment des Spiels hält Käthe Kollwitz die Zeit an: Schnappschuss eines Zeitvertreibs, der praktisch überall aus der Hosentasche gezogen werden konnte egal ob im Villenviertel oder im Hinterhof. Sicher auch auf der Straße vor der Kollwitz’schen Wohnung im Berliner Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg – Kleidung und fehlende Schuhe deuten darauf hin, dass die Kinder aus ärmeren Verhältnissen stammten. Kollwitz war eine präzise Beobachterin und verfügte über großes Einfühlungsvermögen gegenüber Kindern.
Der Journalist und Kulturhistoriker Hans Ostwald schreibt um 1926 in seiner »Kultur- und Sittengeschichte Berlins«:
»Was bleiben den Kindern dieser Arbeiterstraßen […] für Spiele und Unterhaltungen? Blumenpflücken und ein Austummeln auf sonniger Wiese, stärkendes Buddeln im Sand lernen sie nie kennen. Also bleibt ihnen nur immer wieder der Hof und die Straße. An der Teppichstange dürfen sie nicht herumklettern. Die Hofsänger, die täglich kommen, plärren die zweideutigen Gassenhauer. Außer allgemein bekannten Bewegungsspielen – Kreisel und Murmel, Greifzeck, Fuchs im Loch – die wegen häufigen Wagenverkehrs aber nur auf dem schmalen Bürgersteig gespielt werden dürfen, bleibt also nur noch jene Art von Spielen wie ›Himmel und Hölle‹.«
Unter den Milieuzeichnungen von Heinrich Zille (1858–1929), einem Berliner Künstlerkollegen, finden sich ebenfalls Murmelspielende Kinder. Anders als bei Kollwitz sind es hier vorwiegend Mädchen, die gebannt den Spielverlauf verfolgen.