Käthe Kollwitz (1867–1945)
Kohle, gewischt, auf Ingres-Bütten, NT 1163
Die durch den Kieler Matrosenaufstand ausgelöste Protestbewegung zur Beendigung des Ersten Weltkrieges erreichte am 8. November 1918 Berlin. Am nächsten Tag überschlugen sich die Ereignisse: die Arbeiter- und Soldatenräte riefen zum Generalstreik auf, der Kaiser dankte ab, Philipp Scheidemann (1865–1919) rief Deutschlands erste demokratische Republik aus, kurz darauf Karl Liebknecht (1871–1919) die sozialistische Republik. Zum 10. Jahrestag der Novemberrevolution erhält Käthe Kollwitz von der Leipziger SPD den Auftrag, eine Postkarte zu gestalten. Sie hatte die Aufbruchsstimmung auf den Straßen von Berlin damals selbst miterlebt. Mit dieser ausdrucksstarken Zeichnung vermittelt sie die Euphorie der durch das Brandenburger Tor drängenden Menge.
»Heut ist es wahr. Mittags nach 1 Uhr kam ich durch den Tiergarten zum Brandenburger Tor, wo gerade die Flugblätter mit der Abdankung verteilt waren. Aus dem Tor zog ein Demonstrationszug. Ich trat mit ein. Ein alter Invalide trat an den Zug und rief: ›Ebert Reichskanzler! – weitersagen!‹ Vor dem Reichstag Ansammlung. Von einem Fenster herab rief Scheidemann die Republik aus. […] Dann nach den Linden zurück. Das Lastauto gedrängt voll mit Matrosen und Soldaten. Rote Fahnen. Hinter dem Brandenburger Tor sah ich, wie die Wache abtrat. Dann in dem Schwarm bis zur Wilhelmstraße und dann noch ein Stück mit. […] Abends kommt Karl nach Haus. Er hebt mich hoch und schwenkt mich rum, ist ganz kriselig vor Freude.«